Corona Quarantäne - Aus dem Corona-Tagebuch einer Wimpernstylistin

Aktualisiert: Apr 18


Der Lockdown der Corona-Krise dauert nun seit mehr als 3 Wochen. Schon letzte Woche habe ich alle Fenster geputzt und alle Schubladen aufgeräumt. Heute bin ich früh aufgestanden und habe mich nach dem Kaffee von meinem Freund verabschiedet, der noch jeden Tag in sein Büro arbeiten geht. Dann verschwinde ich im Badezimmer. Egal ob ich heute rausgehe oder nicht, ich wasche mir die Haare und Schminke mich wie jeden Tag. Man will sich ja nicht gehen lassen. Vielleicht treffe ich jemanden im Treppenhaus, wenn ich die Post holen gehe oder den Abfall raus bringe.



Es wird fast Mittag bis ich alle Telefone, Nachrichten und Whatsapp beantwortet habe. Ich bin froh geht es meiner Mutti in Ungarn gut. Wir besprechen jeden Tag die neuesten Massnahmen und die Geschehnisse der Welt. Zwar passiert uns im Moment nichts aufregendes, trotzdem haben wir immer was zu berichten.


Heute ist es schön sonnig, es gibt keine Wolken am Himmel, man spürt den Frühling in der Luft ich plane einen Spaziergang. Ich laufe fast jeden Tag in mein Studio, das 45 Minuten Fussweg bedeutet. Gemütlich mache ich mich auf den Weg, ich habe ja Zeit und während ich beim Laufen die Sonne in meinem Gesicht geniesse, höre ich über meine Kopfhörer Frau Birkenbihl zu, die mit ihrer rauen Stimme sooo spannende Vorträge hält. Heute stosse ich auf einen Vortrag über «Untergehen oder sich neu erfinden» - das Thema passt irgendwie perfekt zur aktuellen Situation.

Ich spaziere ganz langsam und betrachte die umliegende Umgebung. Ich kenne mittlerweile jedes Werbeplakat auf dem Weg zu meinem Studio. "Ding Dong Wienerli" und die Frau mit der 80er Frisur von der Migrosbank Werbung. Unterwegs sehe ich kaum ein paar Menschen und mit den wenigen, die an mir vorbeikommen halte ich die vom Bundesrat empfohlenen 2m Entfernung. In meinem inneren Auge kommen mir die beinahe täglich live gesendeten Pressekonferenzen in den Sinn - wie sie da sitzen und auch wieder mal einen Coiffeur-Besuch nötig hätten.


Das Social-Distancing dauert erst seit kurzem, aber ich finde es kaum mehr auszuhalten. Unterwegs kaufe ich mir einen Kebap, in einem der wenigen Take Aways die offen sind... so schön mit jemandem zu reden, auch wenn es dabei nur um Zwiebel und Joghurtsauce geht. Ich setze mich an der Strasse auf eine nahegelegene Treppe, wo ich genüsslich meinen Kebap esse. Ich glaube noch nie hat mir ein Kebap so gut geschmeckt. Ohne Eile habe ich jeden Bissen genossen. Ich kann diesen Akt mit einem Ausgang vergleichen - es ist das Highlight des Tages. Endlich raus aus dem Haus. Wie schön es ist trotzdem noch frei herumlaufen zu können und die Sonne geniessen zu dürfen. In unseren Nachbarländern ist dies teilweise schon nicht mehr möglich. Wer weiss, ob dies auch bei uns noch kommen wird.


Unterdessen bin in meinem leeren Studio angekommen - ich habe nicht vor lange zu bleiben. Trotzdem öffne ich das Fenster um etwas durch zu lüften. Der Kirschbaum, der uns jedes Jahr soviel Freude bereitet, blüht in voller Pracht. Normalerweise hören wir während der Arbeit das Zwitschern der Vögel und das Lachen der Kinder. Jetzt herrscht Stille. Ich komme seit 10 Jahren jeden Tag gerne in mein Studio und jeden Tag mit Freude, sogar jetzt. Ich weiss nicht, wieviele Leute, das von sich behaupten können?!


Ich bin jeden Tag umgeben von Menschen, die mich gerne haben und meine Arbeit schätzen. Es ist das, was ich so an unserem Beruf so schätze - die persönlichen und langjährigen Kontakte zu meinen Kundinnen.


Was soll ich noch machen? Heute ist der erste Tag, den ich ohne Plan einfach laufen lasse. Es ist ein ganz spezieller Tag: keine Pläne, keine Termine, kein Zeitdruck, keine Eile von A nach B zu kommen, kein Stress, keine Anforderungen, keine Erwartungen, keine Ablenkung. Unterwegs setze ich mich auf eine Bank. Ich bin hunderte Male neben dieser Bank vorbei gelaufen ohne zu sehen, dass sie überhaupt da ist. Ich setze mich, sitze einfach da und denke nach...


Ich überlege mir, wie glücklich ich mich schätzen kann, in der Gesellschaft fest eingebunden zu sein. Ich habe Freunde, die ich anrufen kann, wenn ich mich einsam fühle. Ich habe Familie, die mir Hilfe angeboten hat und einen wunderbaren Partner, der mit einer Selbstverständlichkeit meine Rechnungen übernimmt und mich moralisch stark unterstützt, so dass ich mir keine Sorgen über die Zeit während und nach der Corona-Krise machen muss. Ich fühle mich zutiefst dankbar und glücklich dafür und wünsche es allen, die ebenfalls von dieser speziellen Situation betroffen sind.

Es könnte schlimmer sein, dachte ich. Ich war schon in aussichtsloseren Situation, wo ich wirklich Angst um meine Zukunft hatte. Vor fast 4 Jahren hatte ich einen Motorradunfall . Ich bin mit meiner Harley in einer Kurve auf dem Gurnigel von der Strasse abgekommen, bis heute weiss ich nicht wie mir dies passieren konnte. Ich kann mich an Nichts erinnern. Zwar hat mein Motorrad Totalschaden erlitten, aber ausser den Prellungen ist mir nichts Schlimmes passiert... dachte ich.


Auf den Röntgenaufnahmen stellte sich heraus, dass meine Hand an 3 Stellen gebrochen war. Gerade meine Hand!!! Wieso gerade meine Hand? Es war spät am Abend als ich auf der Notaufnahme meine Schiene bekam. Weinend sass ich alleine da, solange die nette Ärztin die Schiene befestigt hat. Wie geht es weiter? Morgen um 9 Uhr kommt ja die nächste Kundin zu ihrem Auffülltermin! Meine Agenda ist voll! Was soll ich machen? Ich sass nur da und liess meinen Tränen freien Lauf. Kann ich dann noch mit meinen Händen arbeiten? Kann ich die Pinzetten überhaupt noch halten? Wird meine Feinmotorik wie früher funktionieren?


Die Zukunftsängste haben mich total übermannt. Ich verdiene mein Geld mit meinen Händen!!! Was werde ich ansonsten machen? Wie lange halten meine Ersparnisse? Wer wird mir helfen, wenn ich in finanzielle Schwierigkeiten gerate? Zum Glück ist die Heilung schnell und relativ schmerzfrei verlaufen. Heute erinnert mich nur noch eine kleine Fehlstellung an meiner rechten Hand an diesen Unfall.


Auf wen können wir in schwierigen Zeiten zählen? Ist unsere Familie für uns da? Verdienen wir überhaupt die Hilfe unserer Familie? Oder hängen wir davon ab, welche Versicherungen wir abgeschlossen haben? Wir betonen immer die Wichtigkeit der Familie. Aber was machen wir? In den letzten Jahrzehnten haben wir uns immer mehr von unseren Familien abgelöst, wir sind weit weggezogen wie ich und wollen ein freies und selbstbestimmtes Leben führen. Wir haben die Hand der traditionellen Familienstrukturen losgelassen und uns der staatlichen Fürsorge überlassen und die Rolle der Gemeinschaft wurde durch "erfundene Gemeinschaften" wie Facebook & Co. abgelöst (Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit, 2015).


Wird uns der Staat und Facebook und Co. in Krisensituationen helfen? Mal schauen. Vielleicht wäre es an der Zeit unsere familiären und gemeinschaftlichen Bindungen zu prüfen? Jetzt hast du auch die Zeit darüber nachzudenken.

https://www.engelswimpern.ch/sarolta-joehr

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